Montag, 3. November 2014

Tagebuch einer Arbeitslosen: Wer bin ich?

Ab dem 1. Januar 2015 bin ich arbeitslos, weil ich meinem früheren Arbeitgeber leider zu teuer wurde, obwohl ich die Jüngste war im Team. Die Jungen sind doch billig, dachte ich. Doch es muss wohl noch billigere Arbeitskräfte geben.

Mein alter Job war perfekt geeignet für Menschen, die gerne und lange herumsitzen. Für mich war das schlecht, weil mein Körper sehr biegsam ist und die Muskeln, wenn sie zu schlaff werden, enorme Probleme bereiten für den Rest: Knochen, Sehnen und das andere Gemüse. Meine Gelenke knacken seit mehreren Jahren immer lauter. Und ich habe zum Teil sehr starke Schmerzen, die ich lange für mich behalten habe. 

"Von irgendwas muss man ja leben", sagte meine Schwester heute bei einem Bewerbungsgespräch am Telefon, als es um den Grundlohn ging, der Rest ist "Provision". Auch sie sucht einen Job, allerdings in einem Bereich, den ich schlichtweg als Mafia bezeichne. Fast jeder Job ist an eine Art Mafia angebunden. Jeder Job muss den "Arbeitgeber" reich machen durch Profit, Wachstum ins Bodenlose und krankmachende Arbeitsbedingungen mit Menschen, die mit Scheuklappen und Antidepressiva ihren Mann stehen und nach Hause gehen. Das reicht schon für die Bezeichnung Mafia. 

Die Arbeitgeber haben zwar Arbeit, aber bei der Zahlung kneifen sie. Sie nehmen unsere Arbeitskraft aber gerne entgegen. WIR sind diejenigen, die ihre Arbeit weggeben. WIR sind die Arbeit-Geber. Und sie sind Nehmer. Diesem Spiel musste ich beim letzten Arbeit-Nehmer gezwungenermassen ein Ende setzen und meine Kündigung entgegennehmen. Nun suche ich einen neuen Job, in dem ich wahrscheinlich viel weniger verdienen werde, doch den Rest von dem, was ich brauche, möchte ich mit Gratisarbeit kompensieren im Tausch gegen irgendwelche Gratissachen (Seife, Textilien etc., alles in Handarbeit und mit Liebe gemacht). Ich kenne bereits Leute, die so leben. Und es werden hoffentlich immer mehr sein. 

Es ist eine komische Zeit für mich. Wer bin ich? Wer war ich bisher? Wodurch habe ich mich definiert? Zum Teil sicher durch meine Tätigkeit. Ich habe mich sehr mit meinem Job auseinandergesetzt bis wir, ich und mein Job, auseinandergehen mussten. Nun sehe ich, wer oder was ich sonst noch bin. Schnell, halbwegs intelligent und auf der spirituellen Ebene besonders intelligent: Wenn ich jemanden berühre, finden meine Hände, wo es wehtut und wo nicht. 

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