Mittwoch, 17. September 2014

Quergelesen am elften September: "Tages-Anzeiger"


Bedroht wegen Bier
Der Wirtschaftsteil der Zeitung ist für mich persönlich am interessantesten. Alles andere ist Politik, Terror und Krieg. Da lese ich auf Seite 35 des "Tages-Anzeigers" die Überschrift "Der Erfolg bedroht die kleinen Brauereien". Wieso? Der Erfolg von Brauereien schlägt sich doch überall nieder. Bier gibt es überall und: Bier ist das einzige Getränk, das man unterwegs sogar noch in Glasflaschen kaufen kann. Das ist ein Pluspunkt. Weniger erquicklich finde ich die Tatsache, dass viele Menschen alkoholabhängig sind. Und es werden immer mehr. Eine Sozialarbeiterin sagte neulich, Alkoholismus sei eine staatlich anerkannte Krankheit. Klar, muss der Staat diese Krankheit anerkennen, weil er kräftig mitverdient an dem Fusel, indem er die Alkoholsteuer einstreicht. Was soll mir als LeserIn die Überschrift, dass der Erfolg die kleinen Brauereien bedrohen würde, sagen? Dass eines Tages auch der Champagner bedroht ist? Ich trinke nämlich nur Champagner. 

Das Kind im Manne
Auf Seite 13 lese ich: "Sexualkunde statt Männerverbot" - ein Kommentar von Liliane Minor zur Skepsis gegenüber männlichen Kindergärtnern. Was soll mir der Titel sagen? Wird eine weitere Runde im Geschlechterkrampf eingeläutet? Ich zitiere einfach mal. " Denn sie erzeugen ein Klima der Angst. Das wirkt sich auf die Art aus, wie Männer mit Kindern umgehen. Unbeschwerte Nähe ist kaum mehr möglich. Der Primarlehrer erstarrt, wenn ihn die Erstklässlerin freudig umarmt." Erstens gibt viel zu selten männliche Primarlehrer, umso grösser ist die Zahl männlicher Schulleiter. Denn Männer haben dieses gesunde Selbstbewusstsein, das es ihnen verbietet, mit kleinen Kindern zu arbeiten. Lieber schauen sie zu, wie Frauen die Kleinigkeiten wie Kinder und Pflege "erledigen" - für weniger Geld. Zweitens sind nicht nur Männer befangen im Umgang mit Kindern. Viele Menschen sind angesichts der Angstmacherei und Globalisierung und iWatchisierung befangen gemacht worden im Umgang mit Menschen. Dafür weiss Apple immer, wer sich wann und wo befindet und mit wem unterwegs ist. Demnächst kommt mit der iWatch die Puls-Überwachung hinzu - inklusive individueller Werbenachrichten. Je nachdem, wo und wann man ist und wohin man guckt: Im Blumenladen rauscht eine Mail herein, wo es die rote Rose billiger gibt. 

Endlich: Mehr Tiere in Schlieren! 
Wirtschaft, Seite 15. "Die Mediziner forschen jetzt in Schlieren". Ein nichts sagender Titel. Mir doch egal, wer wo forscht. Doch der Zürcher, der sich hier angesprochen fühlen soll, weiss, dass Schlieren am Arsch der Welt ist. Umso geiler sind die Fotos: Ein tolles, riesiges Haus mit der Nummer 12 aus Beton. Sieht aus wie Bienenwaben. Hier arbeiten Mediziner und Doktoranden, die sich ein Zubrot verdienen. Weitere Bewohner des Hauses: Labormäuse und strahlende Teilchen für die Nuklearmedizin. Ein Satz, der sich für mich nach einem wuchernden Krebsgeschwür anhörte: "2012 zogen die ersten Medizinforscher nach Schlieren und belegten in einem bestehenden Gebäude ein ganzes Stockwerk mit Labors. Inzwischen haben sie sich bereits auf drei Stockwerken ausgebreitet." Ja, die Mediziner machen sich breit. Wie würde die Zeitung berichten, wenn sich hier Obdachlose oder Hausbesetzer "ausbreiten" würden? 

Glänzende Augen, Krebs und das ewige Standort-Problem
Auf derselben Seite kommt der Ablöscher schlechthin. Titel: "Behördlich geregelte Weihnachtsmärkte". Moment mal, wir haben erst mal den elften September. Und man spricht schon über Weihnachten? Klar. Denn in den Supermärkten stehen die Acrylamid-verseuchten Guetsli (Kekse, Leberkuchen und andere krebserregende Sünden für die Forschung) bereits in den Regalen. Am Ende des kleinen, zweispaltigen Texts, der die Probleme des Standorts und der Auswahl der Händler wälzt, findet sich ein positiv gemeinter Satz, der mich nur hoffnungsloser stimmt: "Die Qualitätskriterien formuliert der Stadtrat bewusst offen, um den Veranstaltern 'genügend kreativen Spielraum' zu geben."

Verrichtungen im Dolder weiterhin nicht gratis
Eine Seite weiter (S. 17)bekomme ich rote Wangen. Titel: "Der Mann, der über Nacht 1000 Rosen organisiert". Nein, diese Rosen sind nicht für mich oder für Sie, sie sind für die Wohlhabenden, nicht zu verwechseln mit den Wohltätigen. Der Mann mit den Rosen ist Chefbutler im Mirdochwurscht-Sterne-Hotel Dolder Grand. Das wars, weiter muss ich nicht lesen, weil ich mir nie eine Nacht in so einem Schuppen leisten kann oder will. 

Kantinenessen wird nicht besser
Ebenfalls auf Seite 17 finde ich noch etwas, das mich persönlich irgendwie interessiert, weil ich Veganerin bin ("Mehr Vegimenüs, weniger Fleisch"). Der Verzicht auf Fleisch hat mich empfindlicher gemacht. Leider hat Veganismus schlechte Aussichten darauf, zur staatlich anerkannten Krankheit erklärt zu werden, weil es keine Veganersteuer gibt dafür, dass Veganer auf tote Tiere verzichten und gesund sein wollen. Meine Empfindlichkeit gegenüber dem täglichen Massentiermord hat im besten Fall Aussichten auf die Deklarierung einer neuen psychischen Erkrankung. Wie wärs mit "Tierliebe mit Tendenz zur Hysterie"? Auf Latein würde es natürlich eleganter klingen. Zitat: "Mit der bewussten Steuerung des Fleischkonsums und der Förderung von vegetarischen Angeboten werde ein Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstosses geleistet, argumentierte die GLP." Und weiter: "SVP-Präsident Roger Liebi warf den Grünliberalen Bevormundung und 'Umerziehungsmethoden' vor. Er wolle nicht 'mit vegetarischen Hungerhaken den Tag verbringen'." Nö, das muss er auch nicht. Zur CO2-Lüge schweige ich mal. Und das mit den Hungerhaken kann ich nur bestätigen. Ich bin tatsächlich schlank. Die Männer sind scharf auf mich und ich sehe aus wie ein Versace Model, das sich kein Versace leisten kann, geschweige denn eine Nacht im Dolder. Seltsam, dass der Verzicht städtischer Horte, Spitäler und Kantinen auf Fleisch aus Massentierhaltung einen solchen Aufschrei verursacht. So dummes Zeug wie Politik und dieser krankhafte Zwang, alles regeln zu wollen, geht mir auf den Senkel. Dann sollen sie doch weitermorden und Druckerschwärze sparen. Wir müssen ja eh sparen! 

Viel Arbeit, wenig Lohn - und umgekehrt!
Doch sie regulieren weiter auf Seite 37 in meinem Lieblingsbund Wirtschaft. "Umverteilung zulasten der Lohnbezüger beschleunigt sich". Toll, da geht was! Und es beschleunigt sich sogar! Endlich mal ein Text, der jeden interessieren sollte. "Die Umverteilung der Einkommen von den Lohnempfängern hin zu den Beziehern von Kapitaleinkünften hat sich in den bedeutendsten Industriestaaten nachm dem drastischen Wirtschaftseinbruch von 2008/09 beschleunigt", heisst es da. Trotz der Steigerung der Produktivität um 17 Prozent (zwischen 1999 und 2013) sind die Reallöhne nur um 5 Prozent gestiegen. Ich bin sicher, dass diese Zahlen stark untertrieben sind. Sie stammen nämlich von der Weltbank, dem OECD und der ILO (International Labour Organization). Als "Hauptursache" der Lohnungleichheit wird angeführt, dass die Bezüger hoher Einkommen immer mehr bekamen und die Bevölkerungsmehrheit in den mittleren und unteren "Lohnsegmenten" dabei leer ausging. We are the 99 Percent? Protestieren? Mitnichten! Hier ist Kreativität gefragt. Lassen wir uns eine tolle Geschäftsidee einfallen und einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt eröffnen. Dieser Artikel ist aus meiner Sicht keine Nachricht, sondern Fakt. Da kann man ja gleich darüber schreiben, dass Obdachlose, die ganz nah am Heizstrahler übernachten, bessere Überlebenschancen haben als diejenigen, die weiter hinten schlafen. Mit Alkohol allerdings, der ja staatlich anerkannt ist, könnte er sich länger warmhalten. 

Ist der Tod ein Meister aus der Schweiz?  
Zum Glück haben die wenigsten Obdachlosen ein Handy, was ihrer Lebenserwartung zugute kommt. Denn, wer hätte das (nicht) gedacht, es gibt Todesschwadronen, die einen übers Handy orten und schamlos ermorden (S. 5: "Justiz untersucht Zürcher Abhörtechnologie-Firma"). Ungefähr oder genau 700 Menschen sind auf diese Weise umgekommen durch das Rapid Action Battalion (RAB) in Bangladesh. Auf Seite 5 der Inland-Nachrichten darf man lesen, wie diese "Spezialeinheit" gedenkt, ihre perfide Arbeit (was verdient Mann wohl dabei) zu verbessern. Ein Bataillon der RAB reiste hierzu eigens nach Zürich, um sich die neuste Technik der Neosoft AG vorführen zu lassen, die "von drei russischen Staatsbürgern kontrolliert wird" (hä?). Die Neosoft AG bietet IMSI-Catcher an, mit denen "Handys im Umkreis von mehreren Hundert Metern erkannt und abgehört werden können". Das ist praktisch. Im Kanton Zürich wird man ja auch zu Hause von der Polizei besucht, wenn man so dumm war, sein Handy an eine Demonstration mitzunehmen. Die Polizisten, die mir gegenüber neulich behaupteten, sie seien "nicht CSI", müssen mich glatt angelogen haben. Und wer dann eines Tages von so einem RAB-Dingsda ermordet wird, kann, so liest man auf derselben Seite ("Spendermangel: Vermerk für Organspender auf der Versichertenkarte"), direkt seine nicht mehr benötigten Organe loswerden. Das Prozedere soll erleichtert werden, indem schon auf der Krankenversichertenkarte ein Vermerk darüber gemacht wird, ob jemand bereit ist, sein Innerstes zu spenden. Praktisch! Demnächst tragen wir alle einen Kühlbeutel mit uns herum für den Fall der Fälle. Damit die kostbaren Wurstigkeiten nach dem Ableben umgehend gekühlt werden können. Die Technik machts möglich. 

Raucher haben Geld, viel Geld! 
Passend geht es weiter in der Rubrik Wissen (S. 34: "Lungenkrebs-Screening für Raucher"), die sich den Lungen der RaucherInnen annimmt. Wieder winkt Geld und Kontrolle. Kontrolle heisst im Fachjargon "Früherkennung". Und die Kosten sind astronomisch. Was den Forschern bei (Versuchs-)Tieren abgeht, nämlich das Mitgefühl, kommt den RaucherInnen tausendfach zugute. "Es ist ein lang gehegter Wunsch, Lungentumore möglichst früh zu entdecken und damit die Behandlungschancen zu erhöhen." Behandlungschancen? Wohl eher die Behandlungskosten! Die Rechnung geht leider noch nicht ganz auf, also muss man noch weiterforschen, bis die Übung sitzt. Denn: "...pro verhinderten Lungenkrebstoten (kommt es) zu schätzungsweise 1,38 Überbehandlungen pro Personen, die nie ein Problem gehabt hätten wegen des Krebses." Ich finde: RaucherInnen sollen selbst entscheiden, ob sie Krebs bekommen wollen oder nicht. Krebs übrigens ist nur ein Wort. Was dahintersteckt und obs nicht sogar dasselbe wie AIDS ist, weiss doch niemand. Jedenfalls tut man genauso betroffen, wenn jemand sagt, dass er AIDS hat, wie wenn jemand sagt, dass er Krebs hat. Obwohl: Wer sagt so was schon über sich selbst? Meist kommen solche intimen Details auf andere Weise ans Licht. Ich könnte mir vorstellen, dass eine wegen Nichtbeachtung beleidigte Nachtschwester einem gut bestückten Dauerpatienten eins auswischt, indem sie Krankenakte ins Internet stellt. Billiger könnte die Rauchmeldung, ähm, Früherkennung werden, wenn man das gesamte medizinische Check-up in Flughafen-Check-ins durchführt. Dort wird man ja sowieso gescannt und abgetastet. Prostata-Untersuchung inklusive. All inclusive! 

More Roll-Games, please! 
Wer aber zum Flughafen will, muss erst einmal einen Basis-Kurs im Rolltreppefahren absolvieren (S. 12: "Zürcher brauchen Ellbogen, Basler einen Farbcode"). Die SBB jedenfalls sind da ziemlich "forsch unterwegs". Das Springerstiefel-Personal ist nämlich zurzeit in Basel angehalten, "das Verhalten der Rolltreppenbenutzer zu beobachten und zu melden". Es soll zugehen wie in London oder auf der Autobahn: links gehen, rechts stehen. Als Nächstes kommt übrigens die Gang-Erkennung. Der Zürcher Hauptbahnhof ist komplett ausgerüstet mit Überwachungskameras zu unserer Sicherheit. Die könnten doch auch die Gang-Überwachung übernehmen. Und demnächst Wiederholungstäter am Gang erkennen. 

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