Samstag, 14. Juni 2014

Zu Besuch bei Uradix

Der Routenplaner gibt die kürzeste Strecke nach Nussbaumen im Thurgau mit 39 Minuten an. Wir ziehen es vor, über Landstrassen zu fahren, was zwar zwei Stunden dauert, aber eine Wohltat für Augen und Nase ist. Unser Ziel heisst Uradix. Wir haben schon viel vom Chef gehört. Georg Henne ist Naturspezialist, Permakulturmensch, hat einen enormes Pflanzen- und Medizinwissen und kann noch vieles mehr. 

Angekommen, setzen wir uns an den Gartentisch. Einer unserer Freunde, der uns mehrmals hierher eingeladen hatte, sitzt auf einem riesigen Trampolin. "Endlich habt ihr es mal hierher geschafft", sagt er. "Georg ist gerade am Lehmen." Er baut einen Erdkeller. Das Dach wird gestützt von Holzbohlen, die mit Lehm beschichtet werden sollen. "Ich brauche noch ungefähr 1 bis 2 Kubikmeter Lehm und 10 bis 20 Kubikmeter Erde", erklärt Georg später. Alles dauert lange, sehr lange. Doch es kommen immer wieder Freunde vorbei, die mit anpacken. Auf dem langen Landstreifen neben einem Gewächshaus – einem Geodesic Dome, gebaut von Udomia – entdecke ich riesige Apfelminze-Büsche. Erst vorgestern hatte ich selbst ein kleines Pflänzchen davon gekauft, weil ich die Minze in unserem Garten vermisste. "Du kannst gerne etwas davon mitnehmen. Hier gibt es mehr als genug", sagt er und lächelt. Offensichtlich wächst ihm die Minze über den Kopf. 
















Mehrere Lehmschubkarren später setzen er und sein Helfer sich zu uns und Georg trinkt erst einmal mehrere Gläser Wasser aus einer Karaffe, auf deren Grund Schungit-Steine ruhen, die der Reinigung des Wassers dienen. Unser Freund auf dem Trampolin möchte eine Medaille von Georg. Eine davon liegt auf dem Gartentisch. Eine Blume des Lebens ist darauf geprägt. Das Muster auf der Rückseite ist interpretierbar. Ein Kreuz, ein Kleeblatt und auch die Andeutung einer Kristallstruktur ist zu erkennen. Die Medaille aus 999er Kupfer, also fast reinem Kupfer, trägt drei Prägungen, eine davon lautet Äon. Wir befinden uns momentan zwischen beziehungsweise in zwei Äonen, die einander kreuzen. Das alte Äon neigt sich dem Ende zu. Und das Neue hat bereits begonnen, unter anderem hier in Nussbaumen. 

Geld spielt hier eine untergeordnete Rolle. Es gibt andere Werte wie Achtsamkeit und Naturverbundenheit, was so manchen zu Naturwissen führt, wenn man seinem Herzen folgt. Der Kupfertaler fühlt sich gut an in der Hand. Er hat auch einen Wert, denn Kupfer ist ein sehr edles Metall, das Kraft ausstrahlt und Energie leitet. 

Was Georg Henne sich vornimmt, macht er mit Liebe und Hingabe, und es hat einen ganz anderen Wert als das, was wir sonst kennen. Bis vor kurzem produzierte und verkaufte Georg Henne herrliche Kräutersalze, Salben und Tees. Die Herstellung ist fair, die Zutaten sind mit Herz und Hand verlesen und alles ist enorm robust. Als ich das Haus betrete, um ein paar Wassergläser abzuwaschen, entdecke ich die hübsch beschrifteten Gläser mit den Kräutersalzen und Kräutertees. Violettes Glas ist das Allerbeste, um Kräuter möglichst lange frisch und auch wirksam zu halten. 

Am Anfang gibt sich Georg wortkarg. Als er langsam auftaut, merkt man, dass er ein grosses Wissen hat, das auch spirituelle Themen umfasst. Ein Blick auf seine Website verrät mehr (uradix.ch). Georg Henne bietet mehrtägige Kurse in Pflanzenkunde an, praxisorientierte Jahresausbildungen für urbanen und allgemeinen Gartenbau und -pflege nach Permakulturprinzipien, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) mit Beratung zu Lebensthemen im Bereich Ernährung, Phytotherapie und Beratung in ganzheitlicher Lebensführung. 

Wer einen Kräuterkurs übers Wochenende besuchen möchte, kann gegen einen geringen Aufpreis in der grossen Jurte übernachten. Sie ist ebenfalls gebaut von Udomia, also ein Geodesic Dome. Das Klima darin ist sehr angenehm. In der Mitte ist ein grosser Stein, der in den Boden eingelassen ist. Darin sind drei runde Löcher gebohrt worden, in die man Kerzen, Teelichter oder Blumen hineinstellen kann. Wer sich den Kräuterkurs nicht leisten kann, hat die Möglichkeit, im Tausch mit anzupacken und beim Bau des Erdkellers zu helfen. Arbeit gibt es immer. In der Übergangszeit zum neuen Äon spielt Geld eine Nebenrolle. Alles soll möglich sein und das Scheitern am Geld der Vergangenheit angehören. 

Später stösst ein mir bekanntes Gesicht zur Gruppe. Der junge  Mann übergibt eine Papiertasche. Georg packt die Tasche aus. In einem Karton sind Schuhe. "Du trägst Schuhe?", fragt der andere. "Die sind zum Skaten", sagt Georg und strahlt. Ich überlege lange, woher ich den Taschenbringer kenne, doch ich komme nicht darauf. "Kennen wir uns nicht von irgendwoher?", frage ich ihn schliesslich. "Ja, ich glaube, ich kenne dich auch." Als wir das Rätsel lösen, kommen wir zu dem Schluss, dass es lange her ist und dass wir uns sehr verändert haben. "Das war ein anderes Leben, das war ein anderes Ich, damals", resümiere ich. Und auch er hatte ein anderes Leben bei einer Filmproduktionsfirma. Danach machte er einige Jahre Permakultur und hat jetzt eine befristete Stelle bei einer Bank. "Ich bin gar kein Banker, aber sie haben mich genommen", sagt er. Ihm werde immer mehr bewusst, dass die meisten Menschen, die für Geld arbeiten, fast gar nichts davon haben. Es versickert, hat keinen Wert mehr und füttert eine Maschinerie, die schon lange am Ende ist. Was kommt als Nächstes, wenn das Geldsystem zusammenbricht? Wir gehen davon aus, dass es Tauschhandel ist. Viele unnütze Jobs werden mit dem Verschwinden des Gelds ebenfalls verschwinden. Und Vollbeschäftigung ist passé. Wir sind bereit für etwas Neues. Und dazu gehört auch Persönlichkeitsentfaltung und das Zu-sich-Kommen, entdecken, wer man ist und was man wirklich kann. 

Wir brechen langsam auf, die Sonne neigt sich dem Horizont zu. Ich kaufe – mit Geld – einen Satz Kräutersalze. Und überlege, womit ich zahlen könnte, wenn ich kein Geld hätte. Wahrscheinlich würde ich allen Lehmbauern nach der Schlepperei die Hände auflegen und das Licht herausfliessen lassen. Als Reikimeisterin, die ich ja bin, fühle ich mich angesichts der hart arbeitenden Männer irgendwie überflüssig. Doch mein Vorschlag, nächstes Mal Reiki zu geben (Universelle Energie) anstatt Geld, findet Anklang. Als ich sage, dass ich nicht nur viel reden kann, sondern auch Schweigen und Zuhören anbieten kann, lächelt Georg. Das ist Gold wert, sagt sein Blick.







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