Samstag, 2. Februar 2013

Freeganer Ilia



Free(gan) Ilia!


Ich kenne Ilia K. von der Occupy-Bewegung. Er war einer der Ersten, die ich am Paradeplatz kennenlernte. Und einer der wenigen, die mich wirklich überzeugten. Er vertrat keine politischen Interessen, hatte keine Machtgelüste, putzte niemanden runter und stand auf seinen eigenen Füssen, sprach für sich selbst und strahlte einen inneren Frieden aus. Mir war von Anfang an klar, dass Ilia eine der wenigen Lichtgestalten von Occupy war. Für mich jedenfalls. So, genug gelobt. Nun weiter zu Taten.

Wir treffen uns in Winterthur am Bahnhof, schlendern über den Weihnachtsmarkt, der eigentlich schon schließt. Ein Stand ist noch offen, aber im Abbau begriffen. Ich habe Lust auf Pommes, etwas anderes kann ich als Veganerin sowieso nicht essen. Ilia fragt, ob man noch etwas gratis bekommen kann. Das Ergebnis lässt sich sehen: Die Pilzpfanne gibt der Koch gratis ab! Knoblauchbrot ist noch zum vollen Preis. Ilia hat Lust auf Pilze und Knoblauchbrot, das er selber zahlt. Sein Portemonnaie sieht ganz nach einer Ratte aus. Ich frage nach. Er bestätigt mir ihre Echtheit. „Die habe ich selbst gegerbt. Sie lag in einem besetzten Haus ganz frisch tot auf der Treppe.“ Ich beruhigt, als er sie wieder in der Hosentasche verschwinden lässt.



Dann kommen wir zum Hauptprogramm, dem Containern. Wir suchen mehrere Supermärkte auf und öffnen ihre Abfallcontainer. Dabei finden wir brauchbares Essen, das meiste ist knapp oder bald abgelaufen: Mandarinen, Joghurt, Ananas und Spinat und Actimel-Drinks nehmen wir mit.

Ilia K. ist 19 Jahre alt und ernährt sich fast nur aus Abfällen von Supermärkten. Die Abfallcontainer sind ergiebig. Die meisten Nahrungsmittel sind abgelaufen. Manche landen auch vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums im Müllcontainer. Was beschädigt ist oder nicht mehr schön aussieht, landet sofort im Müll, und zwar unabhängig davon, ob der Inhalt beeinträchtigt ist oder nicht. Ganze Sixpacks lassen sich im Container finden. Oder Waschmittel. Überraschende Funde gibt es immer wieder: ein riesiges Stück Fleisch, ungefähr 70 Zentimeter lang, oder eine Packung Salz, Zucker, ein Gartenzwerg. Das meiste muss sofort verbraucht werden. Zweifelhaftes Gemüse lässt sich stundenlang durchkochen. Da passiert gar nichts.

„Vergiftungen hatte ich nie. Aber einen flauen Magen hatte ich anfangs manchmal. Ich habe aus Neugier schon probiert, Fleisch zu essen, das schlecht war. Habe es lange gekocht und dann ging es eigentlich. Ich finde es megaschlimm, was wir für einen Standard gewohnt sind. Körperlich sind wir Schwächlinge, was Widerstandsfähigkeit, Aktivität, Potenz angeht.“ Zu wenig Bewegung ist ein Symptom von Wohlstand. „Wollen wir uns noch ein wenig fortbewegen?“, sagt Ilia. Er braucht viel Bewegung. Später stößt noch eine Freundin von Ilia dazu. Zusammen beginnen sie zu toben wie Kindergartenkinder. So etwas sieht man selten in der Schweiz. Toben, laufen und lachen ist auf der Straße eher selten. Das passiert höchstens unter Drogen auf Partys oder an irgendwelchen alkohol- und drogenverseuchten Volksfesten wie der Street-Parade oder dem Züri-Fäscht. Gute Laune ausserhalb des Fussballstadions oder des Volksfests wird schräg angeschaut. Ich schaue Jogger in der Mittagspause schräg an, die im Aktenkoffer-Sandwich, das sie Leben nennen, geradewegs in den nächsten Burnout laufen.

„Ich habe vor über einem Jahr angefangen zu Containern. Erst war aber eher ein Ausprobieren, Herantasten, Kennenlernen. Nach 3, 4 Monaten wurde es immer mehr. Eine Zeit lang war ich bei 100 Prozent angekommen. Jetzt sind es 70 Prozent.“ Auf die Frage, warum er „güseln“ geht, weiß Ilia zunächst kaum eine Antwort. Mein Begleiter möchte ihm gern ideologische Motive unterjubeln. „Ideologisch klingt schön. Von wegen ich will die Welt retten. Das ist mir in Grunde scheißegal.“ Ilia erkennt aber auch Ego-bezogene Aspekte. Er möchte Geld sparen, sich selbstständig machen, unabhängig vom System sein, frei sein. Mit 15 ging er von zu Hause weg und war obdachlos. Die Behörden waren ihm keine Hilfe. Er war mit 15 zu alt, um in einem Heim unterzukommen, hielt aber dennoch den Kontakt zu Behörden und nahm jede Hilfe an. Zu den Eltern wollte er nicht. Er nahm ein Leben auf der Straße in Kauf.

„Auf der Straße sein“ heißt bei Freunden wohnen. „Man versklavt sich ständig. Der Mensch hat noch nicht gelernt, wie er mit sich selbst umgehen kann.“ Das, was er damals gezwungenermaßen lernen musste, entwickelt er nun weiter. So kam er auf die Idee zu containern. Auf eigene Faust suchte er die Lebensmittelcontainer, die offen sind, in denen man sich bedienen kann. Geld hat er nur wenig, er zahlt keine Krankenkassenbeiträge. Schwarzfahren ist an der Tagesordnung. „Wenn ich erwischt werde, kommt ein Zettel, der mir irgendwas androht“, sagt er und lacht.

Die Nahrungsmittel müssen schnell verarbeitet werden. Schneller als in einem „normalen“ Wegwerf-Haushalt, wo laut einer Statistik – okay, wer Statistiken glaubt, glaubt aber auch an den Weihnachtsmann, aber trotzdem... – der meiste Müll entsteht. Mehr Müll als in Supermärkten oder Restaurants, wo alles „wiederverwertet“ wird. Was heisst wiederverwerten? Die Migros verbrennt das gute Zeug. Es entsteht Biogas. Eigentlich eine gute Sache, findet Ilia. Da geht nichts verloren.

Wenn einmal etwas verdirbt, taugt es immer noch für eine Suppe. Die wird so lange gekocht, bis alles Schädliche tot ist. Manchmal ging es in der Anfangsphase auch mal daneben. „Das Fleisch war nicht gut“, sagte er vor einem Jahr. Ich hatte ein paar AktivistInnen eingeladen zur Feuerzangenbowle. Es gab frischen, gehaltvollen Reis. Ilia war im 2. Container-Monat. Er roch ungewaschen, war dünn und seine Hautfarbe leicht grünlich.

Heute sieht er blendend aus und schwärmt von seinem Kindle. Ein Geschenk, weil er viel liest und gerne reist. Er war zuletzt einige Monate in Europa unterwegs. „Ohne Geld“, betont er. Zufälligerweise führte ihn seine Reise nach Brighton, einer kleinen Stadt in Südengland, knapp eine Stunde von London entfernt. Ich war auch in Brighton, einige Tage nach der Anonymous-Aktion am 5. November 2012 in London. Der Tagesausflug war zwar kurz, aber Brightons Charme hatte mich umgehauen. Das Hippie-Flair der kleinen Universitätsstadt war überhaupt nicht aufgesetzt, wie ich es von deutschen Universitäten kannte. Die Leute waren wirklich nett, es kam von innen. Ilia empfand es genauso. Die Brightoner Gastronomie ist auf Veganer und Vegetarier gut vorbereitet. Nach 2 Jahren einfallsloser, vegan-feindlicher Gastronomie in europäischen Hauptstädten konnte ich mich hier einfach in ein Restaurant setzen und fast alles bestellen, was auf der Karte stand. So etwas ist nicht einmal im Zürcher Vegi-Restaurant Hiltl. Im „Vegi“ ist eben vieles nur vegetarisch, aber nicht vegan. Man muss erst einmal alle Abkürzungen auf der Speisekarte kennen und dann alle Speisen abchecken nach dem Inhalt. Nüsse, Milch, alles ist deklariert. Zivilisationsallergien. „Wir sind Schwächlinge...“, würde Ilia sagen. Er isst fast alles.

Angelehnt an den Begriff Veganismus (also frei von tierischen Produkten, nicht einmal Milch, Eier oder Butter) ist auch der Name von Ilias Nahrungsbeschaffungsmethode: Freeganism bzw. auf Deutsch Freeganismus. Freeganer sind meist Systemkritiker. Sie sind links und leben bewusst ohne Geld, abseits vom System. Es gibt genügend Bedürftige, die aus Containern leben könnten. Drogensüchtige sind selten an Containern zu sehen. Sie sind zu sehr mit ihren Drogenprogrammen oder der Drogenbeschaffung beschäftigt. Meistens werden sie anderweitig mit Nahrungsmitteln versorgt. Zudem ist ihr Selbstbewusstsein zu schwach, sprich sie haben zu wenig Mut, um ihre Nahrungsmittelbeschaffung selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht wollen sie nicht gesehen werden. Freeganer dagegen leben ziemlich offen und konsequent vom Abfall des Systems, was eine klare Botschaft beinhaltet: „Ihr produziert zu viel, verlangt zu viel Geld dafür und werft zu viel weg.“ In Deutschland kooperieren mittlerweile Bioläden und Reformhäuser mit Freeganern. Vorbildlich sind in der Schweiz nur Coop und Migros mit ihrer Essensumwandlung in Biogas. Was passiert mit den Plastikverpackungen? In was verwandeln die sich?

Begeistert erzählt Ilia weiter, während wir zum nächsten Container im verschneiten Winterthur stapfen. „Auf der britischen Insel Isle of Wight stehen massenhaft Häuser leer. Sie gehören zu einer ehemaligen Hippiesiedlung. Ich war ein paar Tage dort. Es hat mir sehr gut gefallen. Aber irgendwas in mir sagte, dass ich in die Schweiz zurückmuss. Jetzt weiß ich, warum.“ Seit kurzem baut er eine Holzhütte. Er und zwei Freunde haben ein Grundstück zur Verfügung, auf dem sie unbegrenzt lang leben dürfen, wenn es schaffen, möglichst autark zu leben. Der Boden der Hütte fehlt noch. Ilia möchte eine Kiesunterlage. Darauf soll ein Holzboden ausgelegt werden. 5 Hühner sind schon da. Sie sollen Eier und Fleisch liefern.  

Wenn man sich von Ilia eine Scheibe abschneiden dürfte, wäre es seine friedliche Art. Also frage ich ihn nach seinem „Rezept“: „Du bist immer so friedlich und ruhig. Woher nimmst du deinen inneren Frieden?“ – „Oh, jetzt hast du mich wirklich erwischt. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Es ist so: Meine Mutter übte einen großen Leistungsdruck auf mich aus. Ich hatte 10 Jahre lang enorme Schlafstörungen, Depressionen, psychosomatische Magenkrämpfe, bei denen ich mich auf dem Boden gewunden habe. Jetzt bin ich praktisch davon befreit. Einmal im Monat habe ich noch Bauchkrämpfe. Das ist aber auch alles. Ich habe mich verändert. Habe angefangen, mich mit neuen Augen zu betrachten. Es war ein langer Prozess. Ich habe mich zum Beispiel zum ersten Mal vollumfänglich ohne Ego in die Gefühlslage meiner Eltern in Konfliktsituationen hineinversetzt. Das war ein wichtiger Schritt! Alles in allem würde ich diesen Prozess als ein friedvolles Ringen bezeichnen, das mir half, alles zu verstehen. Ich liebe mein Leben immer mehr.“


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Kleiner Blog zum Thema:
http://www.gratisessen.blogspot.com


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